In der jüdischen Kultur ist „Golem“ ein aus Lehm oder anderem Material geschaffenes Wesen ohne Seele und Leben – Symbol für Unvollkommenheit. Legenden beschreiben Golems, die durch das Wort „Emet“ (Wahrheit) auf der Stirn zum Leben erweckt und durch Entfernung des „Aleph“ (zu „Met“, Tod) wieder vernichtet werden können.
Zu den faszinierendsten Geschichten des jüdischen Volksglaubens gehört die Legende vom Golem, einem von Rabbi Jehuda Löw ben Bezalel (Maharal) erschaffenen Lehmwesen. Im 16. Jahrhundert Prag litt die jüdische Gemeinde unter Verfolgung. Der Maharal, ein weiser und frommer Rabbi, schuf den Golem zum Schutz der Juden. Aus Lehm geformt, wurde er durch eine kabbalistische Formel zum Leben erweckt (Zettel im Mund).
> Gehorsam diente der Golem der Gemeinde (Streitschlichtung, Schutz vor Überfällen). Doch er entzog sich zunehmend der Kontrolle, wurde gefährlich. Der Maharal vernichtete ihn, indem er den Zettel aus seinem Mund nahm. Die Überreste sollen auf dem Dachboden der Alt-Neuen Synagoge in Prag verborgen sein
Die Golem-Legende handelt von Verantwortung, den Grenzen menschlicher Macht und den Gefahren des Eingriffs in die natürliche Ordnung. Sie erzählt von Glauben, Schutzbedürfnis und Demut vor unverstandenen Kräften.
> Ähnliche Geschichten existieren in Mittel- und Osteuropa, spiegeln universelle Motive jüdischer Gemeinden wider.
> Chełm (Polen): eigene Golem-Legende (ortsansässiger Rabbi). Der Golem sollte Diener und Beschützer sein, tötete aber einen Christen (Überfall auf einen Juden), wurde deaktiviert. Ein Beschützer kann zur Gefahr werden.
Die Frankfurter Golem-Legende: Ein Golem, geschaffen von einem Frankfurter Rabbi, sollte helfen, geriet aber außer Kontrolle und setzte die Stadt (versehentlich) in Brand (Symbol für unkontrollierte Macht, Missbrauch von Wissen/Macht).
> Vilnius („Jerusalem des Nordens“): Golem zum Schutz der jüdischen Gemeinde, wurde aber gefährlich und musste deaktiviert werden (Gleichgewicht zwischen Verteidigung und Aggression).
> Unterschiedliche Details, aber gleiche Botschaft:
Leben oder mächtige Wesen zu erschaffen, bedeutet große Verantwortung. Unvorhergesehene Konsequenzen sind selbst bei besten Absichten möglich.> Die Golem-Legenden mahnen vor dem Überschreiten von Grenzen, selbst bei vorhandenem Wissen.
> Der Golem, eigentlich zum Schutz gedacht, wird oft zur Gefahr – ein Symbol für die Verwandlung von Verteidigung in Aggression.
Die Erschaffung eines Golem war in der jüdischen Mystik äußerst komplex und erforderte vom Rabbi tiefes theologisches, mystisches und magisches Wissen, rituelle und geistige Reinheit, Gebete und Fasten.
> Spezielle Formeln und Beschwörungen (Tora, heilige Texte) sollten göttliche Kraft herbeirufen. Hebräische Buchstaben galten als Träger göttlicher Kraft, besonders die des Tetragrammatons (JHWH).
> Schem ha-Mephorasch (heiligster Name Gottes): Aufgeschrieben auf der Stirn oder im Mund des Golem, sollte er ihn zum Leben erwecken.
Der Rabbi benötigte die richtigen Buchstabenkombinationen zur Golem-Kontrolle. „Emet“ (Wahrheit) wurde zu „Met“ (Tod) – Golem deaktiviert.> Tägliche Kontrolle war nötig (Aufmerksamkeit, Disziplin). Bei Kontrollverlust: Änderung/Entfernung der Buchstaben des göttlichen Namens.
> Erschaffung/Deaktivierung symbolisieren die Zerbrechlichkeit des Lebens (Emet/Met: feine Grenze zwischen Leben und Tod).
> Golem-Legende: Verantwortung für die Erschaffung von Leben (Wissen, Macht, Konsequenzen).
Die Golem-Erschaffung ist reich an symbolischen und mystischen Elementen (jüdische Tradition). Das Umkreisen des Golem (meist im Uhrzeigersinn) ist rituell und symbolisch wichtig:
> – 7 Umläufe: Sieben Schöpfungstage (Genesis), Vollständigkeit, göttliche Ordnung (der Rabbi ahmt sie nach).
> – 3 Umläufe: Drei Patriarchen (Abraham, Isaak, Jakob), drei Existenzebenen (physisch, spirituell, göttlich), drei Buchstaben von „Emet“.
> Während des Umkreisens rezitiert der Rabbi Buchstabenkombinationen (göttliche Namen, Sefer Jezira), Träger göttlicher Kraft.
,,Golem“ (hebräisch גלם): Rohmaterial, Unfertiges, Ungestaltetes (Psalm 139,16: „Deine Augen sahen mich als Golem“/„im Mutterleib“). Unvollkommene, noch nicht geformte Materie.
> Der Golem, obwohl lebendig, ist unvollkommen, seelenlos, ohne freien Willen (Symbol menschlicher Grenzen im Vergleich zu göttlicher Vollkommenheit). Wahres Leben/Spiritualität kommt von Gott.> Golems Unvollkommenheit: Risiko des Kontrollverlusts (Gefahr, unvorhergesehene Konsequenzen durch Manipulation göttlicher Macht.
> Das Umkreisen des Golem (7 oder 3 Umläufe): tiefe symbolische Bedeutung (göttliche Schöpfung, Judentum).
> „Golem“: Unvollkommenheit, Rohheit der menschlichen Schöpfung (Grenzen menschlicher Macht, Verantwortung).> Kenntnis von Tora, Talmud etc. unerlässlich.
> 20. Jahrhundert: Golem als Symbol für künstliche Intelligenz (ethische Fragen). Universell und aktuell.
