🟣Zamek Morderczy-Labirynt Śmierci

Der Mörderpalast von Chicago

Prolog: Der Architekt des Todes

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Chicago, Mai 1896. Der Himmel über der Stadt ist grau, die Straßen pulsieren vom Lärm der Fabriken und Karren. Gestern wurde Henry Howard Holmes gehängt – ein Mann, dessen Name wie ein giftiger Wind durch die Gassen weht. Mein Name ist Johann Richter, Journalist aus Hamburg, und ich stehe vor den Überresten seines Vermächtnisses: einem Gebäude, das sie den „Mörderpalast“ nennen.

Ich bin nicht hier, um über seine Kindheit zu sprechen oder seine letzten Atemzüge zu beschreiben. Mich interessieren seine Geheimnisse – die Pläne, die in seinem Kopf wuchsen, bevor sie zu Stein und Stahl wurden. Dieser Palast war kein Zufall, kein bloßer Bau. Er war eine Maschine, ein Labyrinth, geboren aus einem Geist, der Tod nicht nur akzeptierte, sondern ihn formte wie ein Künstler sein Werk.

In meinen Händen halte ich ein zerfleddertes Notizbuch – Skizzen und Worte, die Holmes selbst hinterließ, bevor die Flammen Teile seines Palastes verschlangen. Linien, die sich verdrehen wie Adern, Notizen über Gasleitungen, versteckte Türen, einen Ofen, der Knochen zu Asche macht. „Sie werden kommen“, schrieb er einmal in krakeliger Schrift, „und ich werde bereit sein.“

Dies ist keine Geschichte über einen Mörder. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der den Tod zu seinem Handwerk machte – und eines Palastes, der seine dunkelsten Träume wahr werden ließ. Es beginnt im Jahr 1886, als Henry Howard Holmes nach Chicago kam, mit einem Plan, der die Welt in Angst versetzen sollte.

Kapitel 1: Die ersten Pläne

Als Henry Howard Holmes im Sommer 1886 in Chicago ankam, trug er wenig bei sich – einen abgenutzten Koffer, ein paar medizinische Bücher und ein Lächeln, das wie ein Dolch war. Er war kein Fremder mehr in der Welt des Verbrechens. In Michigan hatte er Leichen gestohlen, Versicherungen betrogen, seine Hände mit dem Geruch von Formaldehyd getränkt. Doch Chicago war anders – eine Stadt, die wuchs wie ein wildes Tier, voller Möglichkeiten für einen Mann wie ihn.

Er ließ sich in Englewood nieder, einem Viertel, wo der Gestank von Schlachthöfen mit dem Rauch der Fabriken verschmolz. Dort fand er eine kleine Apotheke an der Ecke von Wallace und 63rd Street – ein bescheidenes Geschäft, das einer Witwe gehörte. Holmes kaufte es mit einem charmanten Angebot und einem Händedruck. Die Witwe verschwand kurz darauf, und niemand fragte nach ihr. Für Holmes war es der erste Schritt.

Doch die Apotheke war nur ein Mittel zum Zweck. Nebenan lag ein leeres Grundstück – ein Stück Erde, das er mit kalten Augen betrachtete. In seinem Kopf formte sich bereits ein Plan, einer, den er in Michigan nur erträumt hatte. „Ein Gebäude“, murmelte er eines Nachts, während er über eine Kerze gebeugt saß, „ein Ort, der mir gehört. Wo ich entscheide, wer lebt und wer stirbt.“

Er begann mit Skizzen. Auf zerknitterten Blättern zeichnete er Linien, die sich wie ein Spinnennetz verzweigten. Kein gewöhnliches Haus, kein einfacher Laden – etwas Größeres. Drei Stockwerke, über hundert Räume, ein Labyrinth, das nur er verstehen würde. Er schrieb Notizen am Rand: „Schalldicht“, „Falltüren zum Keller“, „Rohre für Gas“. Es waren keine bloßen Ideen – es war ein Versprechen.

Holmes wusste, dass er vorsichtig sein musste. Chicago war voller Augen, voller Menschen, die Fragen stellen könnten. Also stellte er Arbeiter ein – Männer aus den Docks, deutsche Einwanderer wie Hans Weber, Iren mit rauen Händen. Er wechselte die Teams ständig, gab jedem nur einen Teil des Plans. „Du baust eine Wand“, sagte er zu Hans eines Tages. „Frag nicht, was dahinter liegt.“ Hans nickte, aber seine Augen blieben misstrauisch. Zwei Wochen später war er weg – ein weiteres Geheimnis, das Holmes mit sich trug.

Der Bau begann im Herbst 1886. Die ersten Steine wurden gelegt, rote Ziegel, die von außen harmlos wirkten. Holmes stand oft auf der Baustelle, die Hände in den Taschen, und beobachtete, wie sein Traum Gestalt annahm. „Ein Hotel“, erzählte er den Nachbarn, die neugierig über den Zaun spähten. „Für die Weltausstellung. Chicago wird bald voll von Gästen sein.“ Sie lächelten und nickten – wer würde einem Mann mit solch einem freundlichen Gesicht misstrauen?

Doch im Inneren war der Palast etwas anderes. Holmes bestand auf Details, die niemand verstand. Im zweiten Stock ließ er Räume ohne Fenster bauen, die Wände mit dicken Lagen Stoff gepolstert. „Für die Ruhe der Gäste“, erklärte er einem Zimmermann, der die Stirn runzelte. Durch diese Wände zog er Rohre – dünne, metallene Adern, die mit einem Ventil im Flur verbunden waren. Er testete sie eines Nachts allein, ließ Gas zischen und lächelte, als der Raum sich füllte.

Im Erdgeschoss versteckte er Falltüren – Bretter, die unter Teppichen lagen, mit Federn, die sie lautlos öffneten. Sie führten in den Keller, wo Holmes seine wahre Werkstatt einrichtete. Er kaufte einen Seziertisch von einem verschuldeten Arzt, einen Ofen aus einer Fabrik, die Pleite gegangen war, und Fässer mit Säure, die er in einer Ecke stapelte. „Für Reinigungen“, sagte er einem Lieferanten, der die Stirn runzelte, aber das Geld nahm.

Holmes hatte Pläne für seine Gäste – nicht für ihr Wohl, sondern für ihren Untergang. Er stellte sich vor, wie sie kommen würden: junge Frauen mit Koffern, Männer auf der Suche nach Arbeit, Reisende, die die Lichter der Weltausstellung sehen wollten. Er würde sie anlächeln, ihnen ein Zimmer anbieten, eine Versicherungspolice vorschlagen. „Nur eine Formalität“, würde er sagen. Und dann würden die Türen sich schließen.

Eines Nachts, als der Bau fortschritt, saß Holmes in seinem provisorischen Büro über den Plänen. Er zeichnete eine neue Linie – einen Gang, der nirgendwohin führte, eine Sackgasse für die Neugierigen. „Sie werden kommen“, flüsterte er, seine Stimme kalt wie der Wind draußen. „Und sie werden mir gehören.“

Der „Mörderpalast“ war nicht nur ein Gebäude – er war Holmes’ Verstand in Stein gegossen. Jede Falle, jeder versteckte Raum war ein Beweis für seine Kontrolle, seine Macht. Und während die Mauern höher wuchsen, wusste er, dass dies erst der Anfang war. Chicago würde bald seine Bühne werden – und der Palast sein tödliches Theater.

Kapitel 2: Die ersten Versuche

Chicago, Frühling 1887. Der „Mörderpalast“ stand noch nicht in voller Pracht, aber seine Knochen waren gelegt – ein Skelett aus Ziegeln und Stahl, das Henry Howard Holmes mit unheimlicher Geduld formte. Die Apotheke nebenan florierte, ein stetiger Strom von Kunden brachte ihm Geld und Vertrauen. Doch Holmes hatte seine Augen auf etwas Größeres gerichtet. Der Palast war fast fertig – und er brannte darauf, ihn zu testen.

Die Idee kam ihm nachts, als er allein in seinem Büro saß, umgeben von Skizzen und dem flackernden Licht einer Öllampe. „Ein Experiment“, murmelte er, während sein Finger über die Zeichnung eines schalldichten Raums glitt. Er hatte die Rohre installiert, die Falltüren eingebaut, den Ofen im Keller angeheizt. Jetzt brauchte er jemanden – ein Versuchskaninchen, das ihm zeigen würde, ob sein Plan funktioniert.

Holmes wartete nicht lange. Die Straßen von Englewood wimmelten von Menschen – namenlosen Gesichtern, die niemand vermissen würde. Er wählte seinen ersten Gast fast zufällig: einen jungen Iren namens Patrick O’Connell, der in die Apotheke kam, um ein Mittel gegen Husten zu kaufen. Patrick hatte müde Augen und schmutzige Hände – ein Arbeiter aus den Docks, auf der Suche nach ein paar Münzen zum Überleben. Holmes sah ihn an und lächelte. „Ich habe Arbeit für dich“, sagte er, seine Stimme glatt wie Öl. „Eine kurze Aufgabe in meinem neuen Gebäude. Ich zahle gut.“

Patrick hatte keinen Grund, abzulehnen. Er folgte Holmes über die Straße, wo die Mauern des Palastes emporragten – noch unfertig, aber bereits unheilvoll. Holmes führte ihn hinein, durch provisorische Türen, vorbei an Stapeln von Brettern und Zementsäcken. „Ich möchte, dass du einen Raum im zweiten Stock überprüfst“, sagte er. „Etwas stimmt mit dem Boden nicht.“ Patrick nickte, ahnungslos, dass er in eine Falle trat, die Holmes mit der Präzision eines Uhrmachers vorbereitet hatte.

Der Raum war klein, kaum größer als eine Zelle. Die Wände waren mit dickem Stoff verkleidet, der Schall schluckte – Holmes nannte es „Isolierung“. An der Decke hing eine einzelne Lampe, die fahles Licht auf den Dielenboden warf. „Schau nach, ob sich etwas bewegt“, warf Holmes hin und zeigte auf die Mitte des Raums. Patrick trat ein, und Holmes schloss die Tür hinter ihm – leise, fast lautlos.

Dann begann der Test. Holmes ging in den angrenzenden Flur, wo er einen kleinen Schaltkasten versteckt hatte – ein Ventil, das mit den Rohren in den Wänden verbunden war. Er drehte es langsam und hörte das leise Zischen des Gases, das den Raum füllte. Es war kein gewöhnliches Gas – Holmes hatte es von einem zwielichtigen Chemiker im Hafen gekauft, eine Mischung, die schnell wirkte und keine Spuren hinterließ. Er stand mit dem Ohr an der Wand und lauschte.

Patrick bemerkte zunächst nichts. Er bückte sich, berührte den Boden, als er plötzlich spürte, dass die Luft schwer wurde. „Herr Holmes?“, rief er, seine Stimme gedämpft durch die Wände. Er bekam keine Antwort – nur das Zischen wurde lauter. Er begann zu husten, seine Bewegungen wurden fahrig. Er schlug gegen die Tür, aber sie war verschlossen, mit einem Schlüssel, den er nicht hatte. Holmes lauschte, sein Atem ruhig, fast rhythmisch. Nach wenigen Minuten kehrte Stille ein. Das war nicht das Ende des Experiments. Holmes öffnete die Tür, ließ frische Luft hinein und blickte auf Patrick – er lag auf dem Boden, die Augen offen, als würde er noch fragen, was passiert war. „Perfekt“, flüsterte Holmes. Aber das Gas war nur der erste Schritt. Er wollte sehen, wie der Rest funktionierte.

Er schleifte Patricks Körper an den Rand des Raums, wo unter einem Teppich eine Falltür verborgen war – eine federnde, leise Klappe im Boden. Er trat auf den versteckten Mechanismus, und die Dielen glitten mit einem kaum hörbaren Klicken auseinander. Der Körper rutschte hinab und landete mit einem dumpfen Schlag im Keller. Holmes stieg die schmalen Stufen hinunter, um sein Werk zu vollenden.

Der Keller war roh – feuchte Wände, der Geruch von Erde und Teer. In der Mitte stand ein Seziertisch, glänzend im Schein einer Laterne, daneben ein Ofen, der noch nach Neuheit roch. Holmes legte Patrick auf den Tisch, seine Bewegungen methodisch, fast rituell. Er nahm ein Skalpell – ein Werkzeug, das er aus seiner Studienzeit kannte – und begann zu schneiden. Er hastete nicht. Er wollte testen, wie schnell er Fleisch von Knochen trennen konnte, wie präzise er ein Skelett präparieren konnte.

Nach einer Stunde Arbeit trug er die Überreste zum Ofen. Das Holz wartete schon – trockene Scheite, die er von einem örtlichen Händler gekauft hatte. Er zündete es an, und die Flammen verschlangen den Körper schnell, füllten den Keller mit erstickendem Rauch. Holmes stand im Schatten und sah zu, wie das Feuer seine Arbeit erledigte. „Sauber“, murmelte er, als nur Asche übrig war.

Doch es gab noch einen Test – die Säurefässer. In einer Ecke des Kellers standen zwei Metallbehälter, gefüllt mit einer ätzenden Substanz, die Holmes von demselben Chemiker bezogen hatte. Er warf einige von Patricks Knochen in eines der Fässer und beobachtete, wie sie mit leisem Blubbern zerfielen. „Schneller, als ich dachte“, notierte er in seinem Notizbuch, das er stets bei sich trug.

Als er fertig war, ging er wieder nach oben. Der Raum war wieder leer, der Boden unversehrt, das Gas abgestellt. Holmes setzte sich in sein Büro und blätterte durch seine Skizzen. „Erster Erfolg“, schrieb er, seine Schrift scharf und sicher. Doch das reichte ihm nicht. Patrick war nur eine Probe – ein simpler Arbeiter, den niemand vermissen würde. Holmes wollte mehr. Er wusste, dass die Weltausstellung näher rückte, und mit ihr die Massen – Hunderte Menschen, die sein Labyrinth betreten und nie wieder verlassen würden.

In dieser Nacht schlief er ruhig und träumte von neuen Fallen. Er dachte an größere Räume, an Tresore, in denen Opfer langsam sterben würden, an Korridore, die selbst die Schlauesten verwirrten. Der „Mörderpalast“ lebte – und er war hungrig. Holmes wusste, dass das, was er mit Patrick begonnen hatte, nur der Anfang war. Chicago kannte sein wahres Gesicht noch nicht – aber bald würde es es sehen.

Kapitel 3: Die Vollendung des Palastes

Chicago, Herbst 1892. Der „Mörderpalast“ war nun vollständig – ein Monstrum aus rotem Backstein, das sich über drei Stockwerke erhob und die Straßen von Englewood mit seiner trügerischen Stille überragte. Henry Howard Holmes hatte fünf Jahre lang gebaut, geplant und perfektioniert. Was als Apotheke begann, war jetzt ein Labyrinth des Todes, bereit für die Welt, die bald nach Chicago strömen würde. Die Weltausstellung stand bevor – und Holmes sah darin nicht nur eine Gelegenheit, sondern ein Festmahl.

Die letzten Monate waren hektisch gewesen. Holmes verbrachte Tage und Nächte im Palast, seine Hände schmutzig von Kalk und Öl, seine Augen glänzend vor Erwartung. Er hatte die Bauarbeiter längst entlassen – die letzten, ein deutscher Tischler namens Klaus Meier und ein irischer Tagelöhner, verschwanden spurlos nach einem Streit über ausstehende Löhne. Holmes erledigte die Feinarbeiten allein, denn niemand außer ihm durfte die Geheimnisse des Gebäudes kennen.

Der Palast war nun ein Meisterwerk der Täuschung. Von außen wirkte er wie ein gewöhnliches Hotel – ein Schild mit goldenen Lettern verkündete „Holmes’ World Fair Hotel“, einladend für die Reisenden, die bald die Stadt fluten würden. Doch hinter der Fassade lauerte etwas anderes. Die über hundert Räume waren ein Netz aus Fallen: schalldichte Kammern mit Gasleitungen, Tresore mit verriegelten Türen, Korridore, die sich in Sackgassen wandten. Jede Ecke war durchdacht, jede Tür ein Versprechen des Untergangs.

Holmes fügte neue Details hinzu, die seinen früheren Test mit Patrick O’Connell übertrafen. Im ersten Stock baute er einen Raum, der wie ein Tresor aussah – eine stählerne Kiste ohne Fenster, deren Tür nur von außen geöffnet werden konnte. „Für besondere Gäste“, murmelte er, während er die Scharniere ölte. Er stellte sich vor, wie jemand darin gefangen war, die Wände kratzend, die Luft langsam knapp werdend, bis nur Stille blieb.

Im zweiten Stock perfektionierte er die Gasräume. Die Rohre waren jetzt mit einem präziseren Ventil ausgestattet – er konnte die Dosis steuern, von einem sanften Schlaf bis zu einem schnellen Ende. Er testete es eines Nachts mit einem streunenden Hund, den er von der Straße lockte. Das Tier winselte kurz, dann fiel es um, die Augen glasig. Holmes notierte die Zeit in seinem zerfledderten Notizbuch: „Vier Minuten. Zuverlässig.“

Der Keller war sein Heiligtum. Der Ofen, nun schwarz vor Ruß von früheren „Experimenten“, stand bereit, ebenso die Säurefässer, die er mit frischer Lieferung aufgefüllt hatte. Er kaufte einen zweiten Seziertisch, größer und stabiler, und stellte ihn neben den ersten. „Für die Stoßzeiten“, sagte er zu sich selbst und lachte leise – ein Geräusch, das in der feuchten Dunkelheit des Kellers widerhallte.

Doch Holmes wusste, dass Palast allein nicht genug war. Er brauchte Menschen – Gäste, die seine Türen öffnen würden. Die Weltausstellung versprach Tausende Besucher: Arbeiter, Abenteurer, junge Frauen mit Träumen von einem neuen Leben in der großen Stadt. Er begann, sie zu locken. In der Apotheke stellte er Schilder auf: „Arbeit für Frauen – guter Lohn, Unterkunft inklusive.“ Er suchte gezielt nach denen, die allein waren, ohne Familie, ohne Spuren.

Eine von ihnen war Liesl Braun, eine junge Frau, die eine Zeit lang in Bremen gelebt hatte – niemand wusste genau, woher sie wirklich stammte. Sie kam im Oktober, ihre Hände rau von der Arbeit auf einem Schiff, ihre Augen voller Hoffnung. ‚Ich habe gehört, Sie suchen Hilfe‘, sagte sie schüchtern, als sie vor Holmes’ Tresen stand. Er lächelte – dieses Lächeln, das wie eine Klinge war. ‚Ja, Liesl. Ich brauche jemanden wie dich.

Sie nickte dankbar, ahnungslos, dass sie nie wieder den Hafen sehen würde.

Holmes hatte einen Plan für Liesl – und für andere wie sie. Er führte sie am nächsten Tag in den Palast, zeigte ihr einen sauberen Raum im Erdgeschoss mit einem Bett und einem kleinen Tisch. „Dein Zimmer“, sagte er. Doch bevor sie sich einrichten konnte, reichte er ihr ein Dokument. „Eine Versicherungspolice“, erklärte er. „Für meine Angestellten. Nur eine Formalität.“ Liesl unterschrieb, ihre Handschrift zittrig, und Holmes steckte das Papier in seine Tasche. Er war der Begünstigte.

In dieser Nacht testete er den Tresorraum. Er bat Liesl, „etwas zu überprüfen“ – eine vage Ausrede, die sie nicht hinterfragte. Sie trat ein, und die schwere Tür schloss sich hinter ihr mit einem dumpfen Schlag. Holmes wartete draußen, ein Ohr an der Wand. Er hörte ihre Rufe, gedämpft durch den Stahl, dann das Kratzen ihrer Nägel, schließlich ein schwaches Wimmern. Es dauerte länger als beim Gas – fast eine Stunde, bis die Stille eintrat. Als er die Tür öffnete, lag Liesl zusammengesunken da, ihre Lippen blau, ihre Augen leer. „Langsam, aber sicher“, notierte er.

Er schleifte sie in den Keller, diesmal ohne die Falltür – er wollte die Treppe nutzen, um die Zeit zu messen. Unten legte er sie auf den neuen Seziertisch, schnitt sie auf und trennte die Knochen mit der Präzision eines Chirurgen. Die Überreste wanderten in den Ofen, der Rauch stieg durch den Schornstein in die kalte Nachtluft. „Ein guter Anfang“, murmelte er, während er die Asche wegfegte.

Holmes wusste, dass die Weltausstellung mehr bringen würde – Hunderte Liesls, Patricks, namenlose Seelen, die in seinen Palast strömen würden. Er stellte weitere Schilder auf, engagierte einen jungen Mann namens Tommy Walsh, um Flyer in der Stadt zu verteilen: „Günstige Zimmer, zentrale Lage – perfekt für die Weltausstellung!“ Tommy war ein Ire mit einem breiten Grinsen, froh über die paar Dollar, die Holmes ihm zahlte. Er hatte keine Ahnung, dass auch er bald ein Gast sein würde.

Die letzten Wochen vor der Eröffnung verbrachte Holmes mit Feinschliff. Er polierte die Falltüren, füllte die Gasvorräte auf, stellte sicher, dass der Ofen heiß genug brannte. Er spazierte durch die Korridore, seine Schritte hallten in den leeren Gängen, und lächelte. Der Palast war bereit – ein hungriges Tier, das auf Beute wartete. Eines Abends stand er auf dem Dach, blickte über die Lichter Chicagos und atmete tief ein. „Sie kommen“, flüsterte er, seine Stimme kalt wie der Wind, der über die Stadt fegte. „Und ich werde sie alle haben.“ Der „Mörderpalast“ war nicht länger ein Traum – er war Realität, ein tödliches Netz, das nur darauf wartete, sich zu schließen.

Kapitel 4: Die Zeit des Blutes

Chicago, Mai 1893. Die Welt war nach Chicago gekommen. Die Straßen vibrierten vom Lärm der Weltausstellung – Tausende Besucher strömten durch die Stadt, angelockt von den Lichtern, den Maschinen, dem Versprechen einer neuen Ära. Für Henry Howard Holmes war es kein Fest des Fortschritts – es war eine Jagdsaison. Der „Mörderpalast“ stand bereit, seine Türen weit geöffnet, ein hungriges Maul inmitten des Chaos.

Die Monate der Vorbereitung hatten sich gelohnt. Holmes hatte den Palast perfektioniert: die Gasräume zischten leise, die Falltüren klappten lautlos, der Ofen im Keller brannte heißer denn je zuvor. Er stellte Schilder auf – „Zimmer frei, günstig und nah an der Ausstellung“ – und die Menschen kamen in Scharen. Männer mit abgenutzten Koffern, Frauen mit Hoffnungen in den Augen, Familien, die das Spektakel sehen wollten. Für Holmes waren sie keine Gäste – sie waren Beute.

Die ersten Tage waren ein Sturm der Aktivität. Holmes begrüßte alle mit einem Lächeln, seine Stimme warm und einladend. Er führte sie zu den Zimmern – einer Illusion von Sicherheit – und schloss dann die Türen. Die Familie O’Shea, irische Einwanderer aus Dublin, starb in sechs Minuten im Gas. Die junge Engländerin Mary Kelly erstickte nach zwölf Stunden im Tresor. Liesl Braun, eine Frau, die eine Zeit lang in Bremen gelebt hatte, fiel durch eine Falltür in den Keller – ihre Police brachte Holmes 500 Dollar ein. Der Palast funktionierte wie eine Maschine – Gas, Tresore, Ofen – alles in Harmonie.

Doch eines Abends, mitten im Hochsommer, kam eine Gruppe, die den Palast auf eine neue Probe stellte – fünf Arbeiter, die für die Ausstellung Zelte aufbauten. Ihr Schicksal im Labyrinth und die ersten Risse in Holmes’ perfektem Plan markierten den Anfang seines langsamen Falls.

Das Labyrinth des Wahnsinns

Es war ein warmer Abend, die Luft schwer von Staub und Schweiß. Die Männer – John Riley, Sean O’Malley, Patrick Flynn, Thomas Kane und Michael Shea – kamen direkt von der Arbeit, ihre Kleider staubig, ihre Gesichter müde. „Wir brauchen ein billiges Zimmer“, sagte John, der Älteste, ein Ire mit grauen Strähnen im Haar. Holmes lächelte. „Ich habe genau das Richtige. Folgen Sie mir.“

Er führte sie ins Erdgeschoss, durch eine unscheinbare Tür in einen langen Korridor. Der Gang war schmal, die Wände rau und unpoliert, das Licht schwach – eine einzelne Lampe flackerte an der Decke, ihr Schein tanzte unruhig über die Dielen. Die Luft war stickig, mit einem Hauch von Moder und etwas Süßlichem, das die Männer nicht einordnen konnten. „Wartet hier“, sagte Holmes, „ich hole die Schlüssel.“ Er verschwand, und die Tür schloss sich hinter ihm mit einem leisen Klicken – ein Geräusch, das wie ein Nagel in einem Sarg klang.

Die Männer standen da, zunächst ungeduldig. „Wo ist er hin?“, fragte Sean, ein junger Mann mit unruhigen Augen, seine Finger zupften nervös an seiner Jacke. John zuckte die Schultern. „Vielleicht holt er wirklich Schlüssel.“ Doch Minuten vergingen, und Holmes kehrte nicht zurück. Patrick, der Stärkste von ihnen, schlug gegen die Tür, seine Faust hinterließ dumpfe Schläge. „He, Holmes! Wo bist du?“ Keine Antwort. Nur das Echo ihrer Stimmen hallte durch den Gang, verzerrt und hohl.

„Gehen wir weiter“, sagte Thomas, ein ruhiger Mann mit tiefer Stimme, seine Hände ruhig an den Seiten. „Vielleicht gibt’s einen Ausgang.“ Sie marschierten los, ihre Stiefel knarrten auf den Dielen, das Geräusch hallte wie ein Trommelschlag in der Stille. Der Korridor bog nach rechts, dann nach links – eine scharfe Kurve führte in einen weiteren Gang. Die Wände schienen näher zu rücken, das Licht wurde schwächer, die Lampe flackerte jetzt unregelmäßig, als würde sie bald erlöschen.

„Hier sind keine Fenster“, bemerkte Michael, der Jüngste, seine Stimme zitterte leicht. „Und keine Türen. Was ist das für ein Ort?“ Die Wände waren glatt, ohne Griffe oder Ritzen – nur rohes Holz, das sich kalt anfühlte, als Patrick es berührte. Der Gang teilte sich plötzlich – zwei Pfade, beide dunkel, der eine leicht abfallend, der andere steigend. „Links“, entschied John, seine Stimme fest, aber seine Augen flackerten mit Zweifel.

Sie gingen weiter, doch nach wenigen Schritten endete der Weg an einer Wand – massiv, unnachgiebig, ohne Spalt. „Zurück“, rief John, doch als sie umdrehten, war der ursprüngliche Gang verschwunden. An seiner Stelle stand eine neue Wand, als hätte sich das Labyrinth verschoben. „Was zum Teufel?“, fluchte Sean, seine Faust schlug gegen das Holz, das nicht nachgab. Ein dumpfer Schmerz schoss durch seinen Arm, aber die Wand blieb stumm.

Die Luft wurde schwerer, ein schwacher Geruch von Metall und Verfall kroch in ihre Nasen. Sie fanden eine Treppe – schmale, knarrende Stufen, die nach oben führten. „Vielleicht da raus“, sagte Thomas, doch nach zwanzig Stufen standen sie wieder im selben Korridor, die flackernde Lampe über ihnen unverändert. „Das ist unmöglich“, keuchte Patrick, Schweiß lief ihm über die Stirn, seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Wir laufen im Kreis.“

Die Gänge verzweigten sich weiter – ein Netz aus Sackgassen und falschen Abzweigungen. Einmal hörten sie ein fernes Kratzen, wie Fingernägel auf Holz, doch als sie dem Geräusch folgten, fanden sie nur eine weitere Wand. Michael stolperte, fiel auf die Knie, sein Atem ging schnell. „Wir kommen hier nicht raus“, flüsterte er, seine Augen weit vor Angst. Sean packte ihn an der Schulter, schüttelte ihn. „Reiß dich zusammen, verdammt!“ Aber seine eigene Stimme brach.

Stunden vergingen – oder waren es nur Minuten? Zeit löste sich in der Dunkelheit auf. Die Männer riefen, ihre Stimmen wurden heiser, ihre Fäuste blutig vom Schlagen gegen Wände. John fand eine Tür – eine schwere, eiserne Platte ohne Klinke. Er warf sich dagegen, sein Körper prallte zurück wie gegen Stein. „Holmes, du Bastard!“, brüllte er, seine Kehle rauh, doch der Korridor schluckte seine Worte wie ein Grab. Thomas sank gegen eine Wand, seine Hände zitterten. „Das ist kein Gebäude“, murmelte er. „Das ist die Hölle.“

Holmes beobachtete sie durch einen verborgenen Durchgang – einen schmalen Spalt in der Wand, durch den er ihre verzweifelten Bewegungen verfolgte. Er hielt ein kleines Fensterchen offen, kaum größer als ein Auge, und seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. „Faszinierend“, murmelte er, während er in seinem Notizbuch kritzelte: „Verwirrung bricht sie schneller als Gas. Fünf Männer, vier Stunden.“ Er notierte die Zeit, die sie brauchten, um aufzugeben – John war der Letzte, fiel mit einem dumpfen Schlag auf die Dielen, seine Augen glasig vor Erschöpfung.

Dann kam das Ende. Holmes öffnete versteckte Öffnungen im Dach des Korridors – kleine Lüftungsschlitze, durch die das Gas zischte, leise wie ein Flüstern. Die Männer, bereits geschwächt, hatten keine Chance. Ihre Körper sackten nacheinander zu Boden, wie Marionetten mit durchschnittenen Fäden. Sean war der Letzte, seine Hand griff noch nach der Wand, bevor er erstarrte. „Eine ganze Gruppe auf einmal“, schrieb Holmes, seine Handschrift ruhig und präzise. Eine Falltür öffnete sich mit einem Klicken, und die Körper rutschten in den Keller, wo der Ofen wartete.

Der langsame Fall

Der Palast verschlang Dutzende, vielleicht Hunderte in jenem Sommer. Holmes zählte seine Opfer nicht mehr – zählte die Policen, die Skelette, die er an Schulen verkaufte. Doch Chicago begann zu erwachen. Im August klopfte ein Polizist, Sergeant Daniel O’Connor, an die Tür. „Menschen gehen hinein, aber kommen nicht heraus“, sagte er, seine Augen scharf unter der Mütze. Holmes lächelte, bot ihm Kaffee an. „Nur Reisende“, log er, seine Stimme glatt wie Seide. O’Connor nickte, aber seine Hand ruhte auf seinem Notizbuch, als er ging. „Ich komme wieder“, sagte er leise.

:Holmes spürte den ersten Schauer – nicht Angst, sondern Ärger. Er stand im Erdgeschoss, lauschte dem Lärm der Stadt, und seine Finger krallten sich in den Türrahmen. „Zu früh“, murmelte er. Zwei Tage später kehrte Mr. Larson, der neugierige Nachbar, mit einem Brief an die Behörden zurück. „Dieser Rauch, diese Geräusche – irgendetwas stimmt hier nicht“, sagte er, bevor Holmes ihn auf einen Whisky einlud. Larson landete im Tresor, aber sein Brief erreichte das Rathaus. Die Gerüchte wuchsen – das Flüstern in Englewood, die Blicke der Nachbarn, die Schritte der Polizei auf der Straße.

Holmes kehrte in den Keller zurück, wo der Ofen noch immer brannte und die Luft nach Verbranntem und Säure stank. Er wischte den Seziertisch ab, seine Bewegungen langsamer als gewöhnlich. „Noch ein wenig“, flüsterte er, aber seine Stimme zitterte – eine Unsicherheit, die er noch nie zuvor gekannt hatte. Der Palast war sein Königreich, aber die Mauern begannen sich zu schließen. O’Connor kehrte am nächsten Tag mit einem zweiten Polizisten zurück und stellte weitere Fragen. „Wo sind all diese Gäste?“, fragte er und blickte auf die leeren Fenster. Holmes antwortete mit einem Lächeln, aber seine Augen waren kalt.

Am Abend stand er auf dem Dach und blickte auf die schwindenden Lichter der Ausstellung. Der Wind trug den Geruch von Asche und die fernen Stimmen der Stadt – Stimmen, die begannen, seinen Namen zu flüstern. Der „Mörderpalast“ hatte seine Tage gezählt – nicht wegen seiner Fehler, sondern wegen einer Welt, die den Rauch nicht länger ignorieren konnte. Holmes ballte die Fäuste, sein Atem beschleunigte sich. „Noch nicht vorbei“, sagte er zu sich selbst, aber zum ersten Mal klang er, als versuchte er sich selbst zu überzeugen. Der Schatten der Gerechtigkeit näherte sich, langsam, aber unaufhaltsam.

Kapitel 5: Der Fall des Meisters

Chicago, Herbst 1893. Die Weltausstellung verblasste langsam, ihre Lichter wurden schwächer, die Straßen leiser. Doch für Henry Howard Holmes war die Stille kein Trost – sie war eine Warnung. Der „Mörderpalast“ hatte seine Blütezeit erlebt, seine Gänge waren satt von Blut, seine Öfen heiß von Asche. Aber die Welt, die er so meisterhaft getäuscht hatte, begann zurückzublicken – und ihre Augen waren kalt.

Die Schlinge zieht sich zu

Sergeant Daniel O’Connor war der erste Riss in Holmes’ Fassade. Der Polizist kehrte im September zurück, diesmal mit einem Notizbuch voller Namen – Menschen, die den Palast betreten und nicht wieder verlassen hatten. „Ich habe Vermisstenmeldungen“, sagte er, als er in der Tür der Apotheke stand, seine Stimme hart wie Stahl. „Familien, Arbeiter, Frauen – alle wiesen auf dieses Gebäude hin.“ Holmes lächelte, seine Hände ruhig gefaltet. „Das sind nur Gerüchte, Sergeant. Touristen kommen und gehen. Chicago ist groß.“

O’Connor kaufte ihm das nicht ab. „Ich habe Zeugen“, sagte er und sah Holmes in die Augen. „Leute haben Rauch gesehen, Geräusche gehört. Hier geht etwas vor.“ Holmes lud ihn ein, hereinzukommen, zeigte ihm die Apotheke – ordentliche Regale, lächelnde Kunden – weigerte sich aber, den Palast zu betreten. „Das ist Privateigentum“, sagte er kühl. O’Connor ging, aber seine Schritte auf der Straße klangen wie das Läuten einer Glocke.

Zur selben Zeit tauchte ein neuer Schatten auf – Friedrich Müller, ein Detektiv aus Hamburg. Müller kam im Sommer nach Chicago, auf der Suche nach Liesl Braun, einer jungen Frau, die eine Zeit lang in Bremen gelebt hatte, deren Herkunft jedoch unklar war. „Sie verschwand in Amerika“, erklärte er O’Connorowi, sein Akzent scharf, die Augen müde von der Reise über den Ozean. „Ihre Familie hat mich beauftragt – ihre Briefe hörten letztes Jahr auf.“ Er trug ein Foto bei sich – Liesl mit blonden Haaren und einem schüchternen Lächeln – und einen Hinweis, der ihn zum Palast führte.

Die Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Der Nachbar Mr. Larson schrieb einen weiteren Brief an die Behörden, bevor er im Tresor verschwand. „Dieser Mann ist ein Teufel“, flüsterten die Leute in Englewood und zeigten auf den Palast. Eine Frau, die nach ihrer Schwester suchte, stand vor dem Gebäude und schrie ihren Namen, bis sich eine Menschenmenge versammelte. Holmes schloss die Tür, konnte aber die wachsenden Stimmen nicht ausblenden.

Im Oktober kehrte O’Connor mit einem Durchsuchungsbefehl zurück, Müller an seiner Seite. Holmes versuchte, sie aufzuhalten – „Das ist illegal!“, rief er – aber die Polizisten drangen gewaltsam ein. Sie fanden leere Zimmer, seltsame Korridore, einen Schwefelgeruch in der Luft. Es gab keine Leichen – Holmes war zu vorsichtig gewesen – aber der Keller verriet Geheimnisse: Asche im Ofen, Flecken auf dem Seziertisch, leere Säurefässer. „Was geht hier vor?“, fragte O’Connor, seine Stimme zitterte vor Wut. Müller kniete neben dem Ofen nieder, hielt das Foto von Liesl in der Hand. „Sie war hier“, murmelte er. Holmes schwieg, sein Lächeln verblasste.

Flucht und Verrat

Holmes wusste, dass Chicago zur Falle wurde. In der Nacht nach der Durchsuchung packte er einen Koffer – Geld, gefälschte Dokumente, ein paar Skizzen des Palastes – und floh. Aber seine Pläne gingen über die Flucht hinaus. Er hatte einen Komplizen, Benjamin Pitzel, mit dem er einen Versicherungsbetrug plante – Pitzels Tod vortäuschen, um 10.000 Dollar zu kassieren. In Philadelphia verriet Holmes ihn – er tötete ihn wirklich, verbrannte die Leiche, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen.

Pitzel hatte eine Familie – seine Frau Carrie und fünf Kinder. Holmes überzeugte Carrie, dass ihr Mann noch lebte und sich versteckte. Er nahm drei Kinder – Alice, Nellie und Howard – unter dem Vorwand mit, sie zu ihrem Vater zu bringen. Er reiste mit ihnen durch das Land, wechselte Hotels, verwischte Spuren. Aber die Kinder wurden zur Last. In Toronto tötete er Alice und Nellie, begrub ihre Leichen im Keller eines gemieteten Hauses. Howard verbrannte er in einem Ofen in Indianapolis. „Zu viel Lärm“, notierte er in seinem Notizbuch.

Währenddessen nahm die Untersuchung in Chicago Fahrt auf. Die Polizei fand Notizen im Palast – Namenslisten, Skizzen von Fallen. Zeugen begannen zu reden – ein Arbeiter, der den Bau überlebt hatte, beschrieb die Falltüren; eine Frau erinnerte sich an Schreie. O’Connor und Müller arbeiteten zusammen, verbanden Holmes mit den Vermissten. Müller schrieb an seine Auftraggeber in Hamburg: „Liesl ist tot – dieser Mann ist ein Monster.“ Die Spur Pitzels führte sie weiter, und im November 1894 verhafteten Detektive Holmes in Boston – nicht wegen Mordes, sondern wegen Versicherungsbetrugs. Müller stand in der Nähe, als die Handschellen klickten, seine Hände in den Taschen vergraben. „Für Liesl“, flüsterte er.

Der Prozess

Der Prozess in Philadelphia im Jahr 1895 war ein Spektakel. Holmes stand vor Gericht, sein Charme immer noch sichtbar – der Anzug ordentlich, die Stimme ruhig. „Ich bin unschuldig“, sagte er, aber die Beweise erdrückten ihn. Die Polizei grub die Leichen der Pitzel-Kinder aus, fand Asche im Palast, Zeugenaussagen stapelten sich wie Steinhaufen. Der Staatsanwalt nannte ihn „ein Biest in Menschenhaut“. Friedrich Müller zeugte vor Gericht, hielt das Foto von Liesl hoch.

„Sie trat in diesen Palast ein und verschwand – wie so viele andere“, sagte er, seine Stimme schwer von Trauer und Zorn. Holmes gestand 27 Morde – obwohl die Zahl höher gewesen sein könnte. Er beschrieb einige Verbrechen mit der Kälte eines Chirurgen: die Vergasung der Familie O’Shea, Mary Kellys Tresor, das Labyrinth der Arbeiter, Liesl Brauns Fall durch die Klappe. „Der Palast war mein Werk“, sagte er, seine Augen glänzten. Die Menge erstarrte, der Richter erbleichte. Das Urteil wurde schnell gefällt – Tod durch Erhängen.

Im Gefängnis schrieb Holmes – Briefe, Memoiren, Lügen. Er behauptete, der Teufel habe ihn besessen, der Palast habe ein Eigenleben geführt. Wärter sagten, er lächle in seiner Zelle und summe leise. Aber nachts, wenn der Wind hinter den Mauern heulte, zitterten seine Hände – ein Schatten der Angst, den er nicht verbergen konnte. Müller besuchte ihn einmal, zeigte ihm Liesls Foto. „Erinnerst du dich an sie?“, fragte er. Holmes lächelte dünn. „Nein“, sagte er. Müller wandte sich ab, seine Schritte hallten im Gang.

Der letzte Akt

Mai 1896, Philadelphia. Holmes stand auf dem Galgen, sein Anzug zerknittert, aber sein Kopf erhoben. Die Menge schwieg, der Wind trug den Duft des Frühlings. „Haben Sie letzte Worte?“, fragte der Henker. Holmes blickte zum Himmel, seine Stimme war leise, aber deutlich: „Der Palast lebt weiter.“ Die Schlinge zog sich zu, sein Körper zuckte – eins, zwei – und erstarrte. Müller stand im Hintergrund, die Arme verschränkt, das Foto von Liesl in seiner Tasche. „Für dich“, murmelte er, bevor er sich abwandte.

Chicago versuchte zu vergessen. Der Palast brannte 1895 bei einem mysteriösen Brand nieder – einige sagten, es seien Holmes’ Komplizen gewesen, andere, es sei Gerechtigkeit gewesen. Die Ruinen standen jahrelang, ein Skelett aus Ziegeln und Erinnerungen. Die Leute flüsterten von Geistern – Schreien in der Nacht, Schatten in den Fenstern. Der „Mörderpalast“ starb mit Holmes, aber sein Schatten blieb.

Holmes lag in einem Grab, das auf seine Bitte hin einbetoniert wurde – „damit niemand meine Knochen berührt“. Aber die Gerechtigkeit, obwohl langsam, erreichte ihn. Chicago atmete auf, Müller kehrte nach Hamburg zurück, das Foto von Liesl in seinem Gepäck – ein stiller Abschied von einer Suche, die ihn verändert hatte. Doch die Welt vergaß nie – der Mann, der das Labyrinth des Todes baute, wurde zur Legende, zu einem schwarzen Fleck in den Annalen der Geschichte.

Epilog: Der Schatten des Palastes

Hamburg, Juni 1896. Der Himmel über der Elbe ist schwer, Wolken hängen tief wie ein Leichentuch. Ich sitze in meinem Büro, die Feder in der Hand, doch die Worte kommen nur langsam. Vor mir liegt ein Stapel Notizen – Berichte, Skizzen, das verblichene Foto einer jungen Frau namens Liesl Braun. Chicago ist weit weg, doch der „Mörderpalast“ lebt in meinem Kopf weiter, ein dunkler Fleck, der sich nicht abwaschen lässt. Mein Name ist Johann Richter, Journalist aus Hamburg, und ich habe das Ende von Henry Howard Holmes gesehen – doch es fühlt sich nicht wie ein Ende an.

Die Nachricht von seiner Hinrichtung erreichte mich vor Wochen – ein kurzer Artikel in einer amerikanischen Zeitung, die mir ein Kollege zuschickte. „Holmes hängt“, stand da, nüchtern und kalt. Ich war dabei, in jenem grauen Mai, stand in der Menge, als die Schlinge sich zuzog und sein Körper still wurde. Seine letzten Worte – „Der Palast lebt weiter“ – hallen noch immer in meinen Ohren, ein Fluch, der sich in die Luft grub.

Ich traf Friedrich Müller danach, den Detektiv, der Liesl suchte. Er saß in einer schäbigen Kneipe nahe dem Hafen von Philadelphia, das Foto der jungen Frau vor sich auf dem Tisch. „Es ist vorbei“, sagte er, seine Stimme rauh vom Tabak und der Erschöpfung. „Aber sie ist nicht zurück.“ Ich nickte, unfähig, etwas zu erwidern. Müller kehrte nach Hamburg zurück, ein gebrochener Mann, der seine Antworten fand, aber keinen Frieden. Liesl Braun, die in Bremen gelebt hatte, blieb ein Geist – einer von vielen, die der Palast verschlungen hat.

Die Ruinen des „Mörderpalasts“ stehen noch immer in Chicago, verkohlt und leer. Ein Feuer hatte ihn 1895 verschlungen – manche sagen, es war Holmes’ letzter Trick, andere sehen darin göttliche Hand. Ich habe die Überreste gesehen, bevor ich abreiste: zerbrochene Ziegel, geschwärzte Balken, ein Skelett aus Stein, das in den Himmel ragt. Die Menschen dort flüstern von Schatten, von Schreien, die nachts aus den Trümmern dringen. Vielleicht hatte Holmes recht – der Palast lebt, in den Köpfen derer, die seine Geschichte kennen.

Ich lege die Feder nieder, meine Hände zittern leicht. Die Artikel, die ich schrieb, liegen in Schubladen – Geschichten von Gasräumen, Falltüren, einem Mann, der den Tod wie ein Kunstwerk formte. Doch die Wahrheit ist schwerer als Tinte. Holmes ist tot, sein Grab einbetoniert, doch sein Vermächtnis bleibt – ein Mahnmal menschlicher Finsternis. Liesl, die O’Sheas, die Arbeiter im Labyrinth – sie sind Stimmen, die mich verfolgen, wenn die Nacht still wird.

Draußen rauscht die Elbe, ein endloser Strom, der alles mit sich nimmt. Ich frage mich, ob Hamburg je von ihm hören wird – ob die Gassen hier eines Tages seinen Namen flüstern, wie es Chicago tat. Der „Mörderpalast“ ist gefallen, doch seine Geschichte lebt weiter, in mir, in Müller, in jedem, der seine Mauern gesehen hat. Und so schreibe ich weiter, nicht um zu vergessen, sondern um zu erinnern – denn manche Schatten lassen sich nicht vertreiben.

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