„Die Schatten des Siebenten Buches Moses“
„Stuttgart, 1849. Johann Scheible, ein Verleger mit einem Faible für das Verbotene, druckt ein Buch, das die Welt in Atem hält: ‚Das Sechste und Siebente Buch Moses‘. Keine heiligen Schriften, sondern Grimoires – voll mit Siegeln, die Engel rufen, Dämonen bannen und Schicksale wenden sollen.
Doch diese Bücher tragen ein Geheimnis, das älter ist als ihre Seiten – und gefährlicher, als ihre Leser ahnen. Ihre Schatten haben mich eingeholt.“
„Die Wurzeln reichen tief. Schon im Mittelalter sammelten Alchemisten und Kabbalisten Fragmente aus salomonischen Schriften, arabischen Zaubertexten und jüdischer Mystik. Im 17. Jahrhundert glaubten deutsche Bauern, diese Siegel könnten Krankheiten heilen und Ernten schützen – eine Praxis, die später als Braucherei nach Pennsylvania kam. 1849 wurden sie im ‚Kloster‘, einer okkulten Sammlung, vereint.
Doch das ‚Siebente Buch‘ war besonders: Es sprach von einem ‚dritten Siegel‘, das Zeit selbst beherrschen sollte.
Die Kirche sah darin Blasphemie – nicht nur wegen der Magie, sondern weil es Moses, den Propheten Gottes, zum Zauberer machte.
Sie jagte die Bücher, verbrannte sie öffentlich.
Doch sie überlebten – in Handschriften in Polen, im Hoodoo des amerikanischen Südens, sogar in den Obeah-Ritualen der Karibik.“
„Gestern Nacht fand ich es – in einem Antiquariat in Leipzig. Eine Ausgabe des ‚Siebenten Buches Moses‘, mit verblassten Notizen.
Ein Zettel fiel heraus: ‚Das dritte Siegel ist der Schlüssel. Hüte dich vor den Hütern.‘ Ich dachte an Johann Georg Hohman, der 1820 in Pennsylvania sein ‚Long Lost Friend‘ schrieb – ein Begleiter dieser Bücher.
Doch als ich das Geschäft verließ, sah ich ihn: einen Mann in Schwarz.
Sein Ring trug ein Symbol – ein Kreis mit drei gekreuzten Linien, wie ein Stern, eingefasst in ein Dreieck.
Es erinnerte mich an die Schutzsiegel aus dem Buch. Seitdem bin ich nicht mehr allein.“
„Im Buch fand ich Hinweise auf das ‚dritte Siegel‘ – ein Symbol, das nicht in jedem Exemplar steht.
Es soll ein Kreis sein, durchzogen von Wellenlinien wie ein Fluss, umgeben von sieben Punkten.
Man sagte ihm nicht nur Macht über Zeit nach, sondern auch die Gabe, verborgene Wahrheiten zu enthüllen – vielleicht sogar die Zukunft zu sehen.
Ich zeichnete es – und sprach die Formel:
‚El Shaddai, enthülle das Verborgene!‘. Dann hörte ich es: ein Motor, Schritte auf der Treppe.
Die Hüter wissen, dass ich es habe.
Aber warum jetzt?
Warum ich?“
„Ich rannte, das Buch fest umklammert. Der Mann in Schwarz war nah – sein Ring blitzte im Licht einer Laterne.
Das Symbol darauf – der Stern im Dreieck – war identisch mit einem Siegel aus dem ‚Sechsten Buch‘, eines für ‚Herrschaft über Feinde‘.
Wer sind die Hüter?
Nachfahren der alten Zirkel, die diese Macht für sich wollten?
Oder eine moderne Gruppe, die glaubt, die Siegel könnten Kriege entscheiden, Reichtümer sichern – oder gar die Welt kontrollieren?
In Brasilien und Mexiko wurden sie für lokale Zauber angepasst – vielleicht wollen sie die ursprüngliche Kraft zurückholen. Ich zeichnete ein Schutzsiegel – und versteckte es in meiner Tasche.
Doch sie kommen näher.“
„Ich flüchtete in eine alte Kirche. Die Stille war bedrückend, doch sie gab mir Zeit.
Eine Notiz im Buch sagte:
‚Das dritte Siegel ist eine Lüge, eine Falle.‘
Vielleicht war es ein Trick der Autoren.
Die wahre Macht lag in den einfachen Siegeln – Schutz, Hoffnung, Glaube.
Doch die Kirche sah mehr: Sie fürchtete, dass diese Bücher die Autorität Gottes untergraben könnten. Im 17. Jahrhundert verbrannten sie Exemplare, exkommunizierten Leser, nannten es ‚Pakt mit Dämonen‘. Wissenschaftler wie Owen Davies sagen, es sei nur Volksmagie – doch warum jagt man mich dann?
Vielleicht wissen die Hüter etwas, das die Kirche nie enthüllte.“
„Ich verließ die Kirche im Morgengrauen. Die Hüter waren weg – vorerst.
Das Buch habe ich versteckt, an einem Ort, den nur ich kenne. Doch ich höre noch ihre Schritte in meinen Träumen. Ich habe das Schutzsiegel bei mir behalten – es ist mein Schild.
Vielleicht werde ich das ‚dritte Siegel‘ eines Tages erneut zeichnen, um die Wahrheit zu finden.
Oder vielleicht werde ich der Nächste sein, der verschwindet, wie so viele vor mir.
Die Schatten des ‚Siebenten Buches‘ sind lang – und sie ruhen nicht.“
„‚Das Sechste und Siebente Buch Moses‘ sind mehr als Grimoires. Sie sind ein Spiegel der Geschichte – von Stuttgart 1849 bis zu den Gnostikern des 20. Jahrhunderts. Ihre Siegel überlebten, weil Menschen an sie glaubten. Würden Sie es wagen, eines zu zeichnen, wenn Sie wüssten, dass die Hüter zusehen?
Schreiben Sie es mir unten.“
