Versunkene Städte Nordeuropas – zwischen Legende und Geschichte
Stellt euch ein Meer vor, das Geheimnisse längst vergangener Welten birgt. Die Küsten der Ostsee und Nordsee sind nicht nur Strände und Häfen – unter den Wellen schlummern Geschichten von versunkenen Städten und Ländern, die seit Jahrhunderten die Fantasie beflügeln. Von der sagenumwobenen Vineta über das historische Rungholt bis zum prähistorischen Doggerland – diese „Atlantisse des Nordens“ sind mehr als Mythen. Sie erzählen von Reichtum, Stolz und dem ewigen Kampf gegen die Naturgewalten.
Bereit für eine Reise in die Tiefe der Geschichte?
Dann tauchen wir ein.
Irgendwo an der südlichen Ostseeküste, vielleicht bei Wolin oder auf Usedom, soll Vineta gelegen haben – eine Stadt von unermesslichem Reichtum, deren Straßen angeblich mit Gold gepflastert waren. Mittelalterliche Chroniken, wie die von Adam von Bremen aus dem 11. Jahrhundert, beschreiben Vineta als „urbs maxima et potentissima“ – die größte und mächtigste Stadt Europas. Kaufleute aus Skandinavien, Slawen, Sachsen und sogar aus arabischen Ländern sollen hier Handel getrieben haben. Der Hafen soll Platz für 300 Schiffe geboten haben, und Tempel glänzten mit Silber und Bernstein.
Doch Vineta fiel einer Katastrophe zum Opfer. Einer Legende zufolge verschlang ein gewaltiger Sturm die Stadt in einer einzigen Nacht – als Strafe Gottes für die Hybris und Sünden der Bewohner. Eine andere Erzählung spricht von einer Flut, die das sündige Treiben beendete. Besonders eindrucksvoll ist die Sage von der „Goldenen Pforte“, einer prachtvollen Stadtpforte, die so schwer war, dass nur die stärksten Krieger sie öffnen konnten. Bis heute erzählt man sich, dass man bei Vollmond ihren Glanz in der Tiefe der Ostsee sehen kann oder bei Stürmen die Glocken Vineta hört.
Doch was ist Wahrheit, was Legende?
Archäologische Funde zeigen, dass es ein reales Fundament gibt. Auf der Insel Wolin, die viele mit der sagenhaften Stadt Vineta verbinden, entdeckte der polnische Archäologe Professor Władysław Filipowiak zwischen den fünfziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Überreste eines wichtigen Handelszentrums aus dem zehnten bis zwölften Jahrhundert. Gefunden wurden ein Hafen mit starken Eichenpfählen, Werkstätten für Schmiede und Bernsteinverarbeitung sowie Importgegenstände wie skandinavische Schwerter vom Typ ULFBERHT und arabische Dirheme. Diese Funde belegen den Handel über große Entfernungen (Filipowiak, „Wolin i jego dzieje“ – „Wolin und seine Geschichte“, Polnische Akademie der Wissenschaften, zweitausendvier).
Außerdem wurde möglicherweise ein Tempel des slawischen Gottes Swantowit entdeckt, wie ihn der Chronist Thietmar von Merseburg beschrieben hat.
In den Jahren zwischen zweitausendzehn und zweitausendzwanzig entdeckten Taucher in der Greifswalder Bucht versunkene Siedlungsspuren, die auf eine mittelalterliche Flut infolge des steigenden Meeresspiegels hinweisen.
In Kołobrzeg (auf Deutsch Kolberg), einem weiteren möglichen Standort von Vineta, erwähnen mittelalterliche Quellen eine „Winetam antiquam“ in der Nähe der Persante-Mündung. Archäologische Funde dazu sind jedoch wegen späterer Bebauungen selten.
Das Projekt „Wolin – Vineta“ im Zeitraum von zweitausendsechzehn bis zweitausenddreiundzwanzig nutzte Georadar und Isotopenanalysen von Keramik, die intensive Handelsbeziehungen zur Kiewer Rus und zum Byzantinischen Reich bestätigen – etwa durch Bleispuren aus Sardinien in Glasfunden.
Die „Goldene Pforte“ selbst bleibt ein Rätsel. Die „Saga von den Jomsvikings“ aus dem dreizehnten Jahrhundert beschreibt eine prunkvolle Pforte mit Götterbildern, und pommersche Sagen, gesammelt von Otto Knoop im neunzehnten Jahrhundert, sprechen von ihrem Glanz in der Tiefe. Archäologen fanden in Wolin vergoldete Türbeschläge mit Wolfsdarstellungen, möglicherweise Teil eines Tempels, bei Ausgrabungen in den Jahren zweitausend bis zweitausendzwölf. Im Jahr zweitausenddreiundzwanzig entdeckte ein Sonarteam vor Usedom eine bogenförmige Anomalie, die weiter untersucht wird.
War die Pforte real oder ein Symbol für den Reichtum aus dem Bernsteinhandel?
Vielleicht war sie Teil eines Heiligtums oder spiegelt byzantinische Einflüsse wider, wie die Goldene Pforte Konstantinopels. Die Wahrheit liegt wohl in einer Mischung aus Fakt und Fiktion.
Vineta inspiriert bis heute. Der polnische Künstler Jarosław Wójcik schuf im Jahr zweitausendzweiundzwanzig in Wolin die Installation „Złota Brama“ (Golden Tor) aus vergoldetem Stahl, und in Spielen wie „Assassin’s Creed Valhalla“ ist Vineta ein Ort verborgener Schätze. Doch die wahre Geschichte bleibt unter Wasser verborgen.
Rungholt – die Atlantis mit Beweisen
Wechseln wir zur Nordseeküste, nach Friesland, wo Rungholt stand – eine Stadt, deren Reichtum aus dem Salzhandel stammte. Sie war kein Fischerdorf, sondern ein bedeutendes Handelszentrum mit Kirche, Marktplatz und Hafen, geschützt durch ein ausgeklügeltes System von Deichen und Kanälen. Doch am sechzehnten Januar eintausenddreihundertzweiundsechzig traf sie ein Inferno.
Doch anders als Vineta ist Rungholt gut dokumentiert. Im Wattenmeer, nahe der Hallig Südfall, entdeckten Forscher der Universität Kiel im Jahr zweitausenddreiundzwanzig mit geomagnetischen Methoden eine Stadtstruktur von vier Quadratkilometern. Sie fanden Fundamente eines gotischen Ziegelkirchengebäudes mit den Maßen dreißig mal fünfzehn Meter, vergleichbar mit Hamburger Kathedralen, sowie ein Netz von Entwässerungskanälen, deren Eichenholz auf die Jahre eintausenddreihundertzwanzig bis eintausenddreihundertvierzig datiert wurde (Karstens et al., „Rungholt rediscovered“, Geophysical Journal International, zweitausenddreiundzwanzig). Fischer zogen seit dem neunzehnten Jahrhundert Goldmünzen aus Lübeck, sogenannte Hohlpfennige, sowie hansische Handelsplomben und einen einzigartigen Bronzekessel mit biblischen Gravuren hoch, der heute im Museum Landschaft Nordfriesland ausgestellt ist.
Die Legende von Rungholt hat auch eine moralische Note: Betrunkene Kaufleute sollen die Kirche entweiht haben, was einen Fluch auslöste. Doch die Realität war nüchterner – der Untergang war Folge von Klimaveränderungen und menschlicher Überschätzung. Satellitendaten zeigen, dass die Region noch heute um etwa fünf Millimeter jährlich absinkt. Bei Ebbe sind auf den Wattflächen Überreste von Deichen sichtbar, und das Rungholt-Museum auf Pellworm erzählt die Geschichte weiter.
Doggerland – ein versunkener Kontinent
Stellt euch eine Welt vor, in der man von England nach Dänemark laufen konnte. Doggerland war ein Landstrich von der Größe Sardiniens – etwa dreiundzwanzigtausend Quadratkilometer – zwischen Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden. Vor zehntausend bis fünftausendfünfhundert vor Christus war es Heimat von Jägern und Sammlern des Mesolithikums. Wälder aus Eichen und Tannen, Flüsse wie der „Dogger River“, Sümpfe voller Wildtiere – von Hirschen bis zu Höhlenbären – prägten die Landschaft
Doch nach der Eiszeit begann der Meeresspiegel zu steigen. Um sechstausendzweihundert vor Christus löste das Storegga-Ereignis, ein Erdrutsch von dreitausend Kubikkilometern vor Norwegen, einen Tsunami mit zehn bis zwölf Meter hohen Wellen aus, der weite Teile Doggerlands überschwemmte (Simulationsmodelle der Universität Southampton). Bis fünftausendfünfhundert vor Christus wurde der Rest zu Inseln und verschwand schließlich. Heute liegt Doggerland unter dem Nordseeboden.
Archäologische Funde belegen diese verlorene Welt. Fischer zogen Mammutknochen, Nashornknochen und Werkzeuge aus Feuerstein hoch, der teilweise aus Polen stammt. Das Projekt „Lost Frontiers“ im Zeitraum von zweitausendfünfzehn bis zweitausendzweiundzwanzig kartierte mit dreidimensionalen Sonaren prähistorische Lager mit Feuerstellen und fand DNA von Haushunden aus der Zeit um siebentausend vor Christus (Gaffney et al., „Europe’s Lost Frontiers“, University of Bradford). Im Jahr zweitausendeinundzwanzig identifizierte man Flusstäler, und eine Ausstellung im British Museum im Jahr zweitausenddreiundzwanzig zeigte Hirschgeweih-Harpunen. Einige Forscher, wie Doktor Simon Fitch, vermuten, dass eine „Dogger-Insel“ bis fünftausend vor Christus überlebte – eine Theorie, die noch debattiert wird („The Rediscovery of Doggerland“, ERC, zweitausendeinundzwanzig).
Doggerland ist mehr als Geschichte – es ist eine Warnung vor den Folgen des Klimawandels, die unsere Welt nachhaltig verändern können.
Weitere versunkene Welten
Die Meere des Nordens bergen noch mehr Geheimnisse. In der Mecklenburger Bucht fand man im Jahr zweitausendvierzehn eine siebentausend Jahre alte Siedlung mit Holzstrukturen und Keramik. Im schleswig-holsteinischen Haithabu, einem Wikingerhafen, entdeckte man versunkene Kaianlagen. In der Öresundstraße wurden mesolithische Fischfallen ausgegraben, und in Estlands Pärnu-Bucht liegen Überreste einer mittelalterlichen Stadt. Moderne Technologien wie Multibeam-Sonar, LIDAR und Umwelt-DNA helfen, diese Puzzlestücke zusammenzusetzen.
Einfluss auf Kultur und Kunst
Die Geschichten von Vineta, Rungholt und Doggerland inspirierten Künstler über Jahrhunderte. Theodor Fontane widmete Vineta ein Gedicht, Gerhart Hauptmann schrieb das Drama „Die versunkene Glocke“. Detlev von Liliencrons „Trutz, Blanke Hans“ besingt Rungholt, und moderne Bands wie Santiano greifen die Glockenlegende auf. In der bildenden Kunst schuf Andreas Achenbach im Jahr achtzehnhundertachtundzwanzig das Gemälde „Die Versenkung Vineta“, und Dokumentarfilme wie „Doggerland: Britain’s Atlantis“ der BBC aus dem Jahr zweitausendfünfzehn bringen die Geschichten ins einundzwanzigste Jahrhundert. In Spielen und Fantasy-Romanen sind diese Orte magische Schauplätze voller Schätze.
Die Zukunft der Forschung
Neue Technologien wie 3D-Sonar, LIDAR und Umwelt-DNA lassen die Vergangenheit lebendig werden. Projekte wie „Lost Frontiers“ oder „Rungholt Research“ entdecken neue Spuren. 2021 fanden polnische Archäologen einen Hafen in der Pommerschen Bucht, möglicherweise mit Vineta verbunden. 2023 erstellten deutsche und dänische Forscher die bisher genauesten Karten von Rungholts Deichen. Jedes Fundstück – von goldenen Münzen bis zu prähistorischen Werkzeugen – erzählt eine Geschichte von Menschen, die mit der Natur rangen.
Vineta, Rungholt, Doggerland – sie sind mehr als Relikte der Vergangenheit. Sie mahnen uns, dass das Meer immer das letzte Wort hat. Doch unter seiner Oberfläche warten Geschichten, die unser Verständnis der Welt verändern können.
Bis bald an den Küsten der Nord- und Ostsee.
