Kapitel 1: Schatten im Licht der Laterne
Alexandria, März 415 n. Chr.
Der Abend in Alexandria roch nach Meersalz und verbranntem Holz. Die engen Gassen rund um den Hafen pulsierten vor Leben, obwohl die Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden war. Händler packten ihre Stände zusammen, Seeleute sangen trunken Lieder, und in den Gassen wurde über bevorstehende Veränderungen geflüstert. Die Stadt, einst Leuchtfeuer der Vernunft, war nun ein Labyrinth aus Misstrauen und Angst.Hypatia stand auf der Terrasse ihrer Villa und blickte auf den erleuchteten Leuchtturm von Pharos, dessen Licht sich in den Wellen des Mittelmeers spiegelte. Ihre Hände, leicht mit Tintenflecken bedeckt, ruhten auf dem Geländer. Sie starrte in die Sterne, als könnten sie ihr Schicksal enthüllen. Das Astrolabium, das sie in Händen hielt, war kalt, fast gleichgültig gegenüber dem Chaos, das in der Stadt wuchs.„Herrin, du solltest um diese Zeit nicht allein hier sein“, sagte Synesios leise, ihr einstiger Schüler und nun Bischof von Ptolemais, der mit einer geheimen Mission nach Alexandria gekommen war. Seine Gewänder, obwohl prunkvoll, trugen die Spuren einer langen Reise.
Hypatia drehte sich um, ihre dunklen Augen funkelten im Fackelschein. „Synesios, habe ich je die Nacht gefürchtet?“ Ihre Stimme war ruhig, doch ein Hauch von Unruhe schwang in ihrem Ton mit. Sie wusste, dass die Stadt, die sie liebte, sich in einen Käfig verwandelte.„Nicht die Nacht ist gefährlich, sondern die Menschen, die in ihr handeln“, entgegnete er und senkte die Stimme. „Die Gerüchte werden lauter. Man sagt, du stehst Orestes zu nahe. Dass deine Worte seinen Geist gegen Kyrill vergiften.“Hypatia hob eine Bradio. „Meine Worte? Ich lehre Mathematik und Philosophie, keine Politik. Wenn die Wahrheit den Geist eines Menschen vergiftet, liegt das Problem vielleicht bei diesem Geist, nicht bei meinen Worten.“
Synesios seufzte und blickte auf die Stadt hinab. „Kyrill unterscheidet nicht zwischen Philosophie und Aufruhr. Seine Leute sind überall. Sie beobachten. Sie lauschen.“ Er hielt inne und fügte dann leiser hinzu:
„Heute habe ich sie vor deinem Haus gesehen. Mönche aus Nitria. Sie kamen nicht zum Beten.“
Hypatias Herz schlug schneller, doch ihr Gesicht blieb unbewegt. Die Mönche aus Nitria, fanatische Anhänger des Bischofs Kyrill, waren für ihre Brutalität bekannt. Ihre Anwesenheit in der Stadt bedeutete, dass der Konflikt zwischen dem Präfekten Orestes und der Kirche einen Siedepunkt erreicht hatte. Und sie, als Beraterin von Orestes und Symbol des heidnischen Verstandes, war zu einer Schachfigur in diesem gefährlichen Spiel geworden.
„Danke für die Warnung, Synesios“, sagte sie und legte das Astrolabium auf den Steintisch. „Aber ich werde nicht aufhören zu lehren. Wenn Alexandria fällt, soll es wegen der Wahrheit fallen, nicht wegen Schweigens.“
Synesios wollte antworten, doch ein ferner Schrei unterbrach ihn. Irgendwo unten, im Labyrinth der Gassen, erhob sich das Getöse einer Menge. Hypatia trat an den Rand der Terrasse und blickte auf die flackernden Fackeln, die sich wie ein Schwarm Glühwürmchen bewegten. Die Stimmen wurden lauter – wütend, chaotisch, von Hass durchdrungen.
„Bleib drinnen“, sagte Synesios und griff nach ihrem Arm. „Es könnte eine Falle sein.“
Doch Hypatia war bereits auf dem Weg zur Treppe. „Wenn sie mich finden wollen, werde ich mich nicht verstecken.“ Ihre Schritte waren entschlossen, obwohl sie tief in ihrem Inneren spürte, dass etwas Unumkehrbares begonnen hatte.
Zur gleichen Zeit, im Schatten der Basilika Caesareum, wo Bischof Kyrill residierte, fand ein geheimes Treffen statt. In einer engen Kammer, nur vom flackernden Licht der Kerzen erleuchtet, hatten sich mehrere Männer versammelt. Ihre Gesichter waren unter Kapuzen verborgen, doch jeder von ihnen trug ein schlichtes Holzkreuz um den Hals – ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur neuen Macht, die Alexandria beherrschte.
„Sie ist eine Bedrohung“, sagte einer von ihnen, seine Stimme tief, fast knurrend. „Orestes hört auf sie wie auf ein Orakel. Solange sie lebt, wird er sich der Kirche nicht unterwerfen.“
Kyrill, auf einem erhöhten Sitz, schwieg. Seine Finger spielten mit dem Bischofsring, seine Augen glänzten kalt. „Hypatia ist nicht nur eine Frau“, sagte er schließlich langsam, als wöge er jedes Wort ab. „Sie ist ein Symbol. Ein Symbol der alten Welt, die verschwinden muss. Wenn Orestes sich beugen soll, müssen wir sie beseitigen.“
„Aber wie?“ fragte ein anderer Mann und ballte nervös die Hände. „Sie wird respektiert. Selbst unter den Christen hat sie Schüler.“
Kyrill lächelte leicht, doch in seinem Lächeln lag keine Wärme. „Die Menge braucht keinen Beweis, nur einen Grund. Und wir werden ihnen einen Grund geben.“ Er stand auf und trat ans Fenster, von wo aus die flackernden Lichter der Stadt zu sehen waren. „Lasst die Mönche aus Nitria tun, was sie am besten können. Lasst sie zeigen, dass niemand – nicht einmal die Tochter des Theon – unantastbar ist.“
In der Kammer herrschte Stille, nur unterbrochen vom Knistern der brennenden Kerzen. Der Plan war beschlossen. Alexandria würde bald in Blut getränkt sein.
